PROLOG

 

Wie und wann sie geboren wurde konnte sie nur noch erahnen, denn sie war unendlich alt. Sie wusste, dass sie einst ein grauer Felsklumpen im Weltall war, der sich mit Hilfe der Sonne zu einem Planeten mit Himmel, Wasser und Land entwickelte. Durch sehr komplizierte chemische Reaktionen, die zu erklären an dieser Stelle zu weit von der eigentlichen Geschichte abschweifen würden, entstand eine atembare Atmosphäre - reine, saubere Luft.

Die ganze Zeit ihres Bestehens hatte sie viele glückliche Augenblicke erlebt. Unzählige Generationen von Tieren und Pflanzen hatte sie beschützt und diesen einen Lebensraum geboten. Sie war die Mutter Erde und wurde von allen nur Gaia genannt.

Alle waren glücklich und zufrieden, doch als der Mensch kam, wurde alles anders.

Die frühen Menschen jagten, wie die heutigen Naturvölker auch noch, nur soviel, wie sie auch zum Leben benötigten.

Doch schon bald wurde der Mensch unberechenbarer: Er wollte mehr. So wurden Wälder gerodet, Seen trockengelegt, um Ackerland und Wohnraum zu gewinnen. Die Menschen vermehrten sich sehr schnell und benötigten immer mehr Lebensraum. Sie verdrängten die Tiere und rotteten die Pflanzen aus.

Gaia veränderte sich immer mehr. Sie wurde ausgebeutet.

Die Menschen glaubten und glauben noch immer, die Krone der Schöpfung zu sein. Das Wesen, welches Alles -  Land, Pflanzen und Tiere - beherrschen konnte. Doch diese "Gabe" hatte seinen Preis. Der Mensch wurde auch zu dem einzigen Lebewesen auf der Erde, welches sich gegenseitig tötete. Bei den Tieren kam das zwar auch manchmal vor, aber dann litten sie Hunger und das Schwächste unter der Sippe musste zum Wohle der anderen sterben. Die Menschen brachten sich aber aus Machtbesessenheit, Gier und Neid um.

Mit dem Fortschritt, also der Entwicklung der Technologie, kam auch die Umweltverschmutzung. Gaia konnte nicht mehr alle Schadstoffe aufnehmen und zerstören.

Ich muss etwas tun. Die ganze Zeit habe ich alles erduldet, doch nun beginnt der Mensch, mich immer mehr zu zerstören. Ich muss überleben, damit auch die anderen Lebewesen auf mir überleben können. Der Mensch denkt nur an sich, niemals an andere, dachte sie und holte zum Gegenschlag aus.

Unwetter, Erdbeben und Vulkanausbrüche schickte sie als Warnung voraus - doch sie wurden überhört. Das Klima veränderte sich und die Menschen machten alles andere, nur nicht sich, dafür verantwortlich.

Doch auch die Güte Gaias hatte einmal ein Ende und voller Wut und Zorn setzte sie zum entscheidenden Schlag an.

Ich kann aber nicht alle Menschen vernichten, denn einige sind schon vernünftig und haben auch ein Recht auf Leben. So muss ich also einen Weg finden, der für alle akzeptabel ist.

Sie verwandelte einen Teil ihres Geistes zu einer wunderschönen, stolzen Frau und ging hinauf auf die Erdoberfläche. Nur die Tiere konnten sie sehen, den Menschen blieb sie verborgen. Einige, die die Gabe hatten, ihre Gestalt zu erkennen, wurden für verrückt erklärt und aus der Gemeinschaft verstoßen oder waren Kinder.

Doch gerade diese Kinder sollten die Gedanken der Mutter Erde vom Zorn befreien. Ihre Augen leuchteten voller Freude und Glück, und Gaia erkannte, dass nicht alle Menschen grausam und schlimm waren.

Diese Kinder sind die Zukunft von mir und der Natur. Ich werde sie zu meinen Wegbereitern machen. Wenn die Kinder verstehen, was mit mir geschieht, so können sie die Erwachsenen vielleicht umstimmen oder nicht so werden wie sie.

Daraufhin zog sie sich zurück. Ihre Gedanken kreisten um ihr gestecktes Ziel. Gaia suchte nach einem friedlichen Weg. Dann kam ihr die einzige Möglichkeit in den Sinn: Sie wollte eine Konferenz einberufen - eine Konferenz der Kinder!

Sie schickte Tiere aus, die geeigneten Kinder für diese Konferenz zu finden. Sie gab diesen Tieren auch etwas mit auf ihrem Weg, die Gabe der Sprache. Die Kinder sollten sich mit den Tieren unterhalten können und von ihnen lernen.

Damit war der Gedanke für eine bessere Zukunft geboren, die Fackel entzündet.